"Die eigenen Produkte wurden als Spielzeuge angesehen"

Dienstag, 21. Januar 2014

Der Sitz von Commodore in Aesch/BL (A1K.org)
Anlässlich des Todes von Jack Tramiel, dem Gründer von Commodore diese Woche [2012] habe ich mit Gian-Franco Salvato ein kurzes Interview geführt. Gian-Franco hat 1994 als Mitarbeiter von Commodore den Untergang der Firma miterlebt. Geplant hatte ich dieses Interview schon einmal dieses Jahr, nämlich zum 30. Jahrestag der Markteinführung des legendären C64, nur war ich damals leider nicht dazu gekommen. Jetzt habe ich es doch noch nachgeholt.

Anfang der 1990er-Jahre hast Du bei Commodore in Aesch/BL gearbeitet und dort auch den Untergang der Firma miterlebt. Was waren Deine Aufgaben bei Commodore?

Ich habe von 1993 bis zur Liquidation am 31. August 1994 im Swiss Branch Office von Commodore Electronics Limited gearbeitet. Unsere Büros waren zwar auch in Aesch/BL, also am gleichen Standort wie die Commodore AG, doch wir waren eine Zweigniederlassung des Konzerns und nicht wie die Commodore AG für den Schweizer Markt verantwortlich.

Als EDV-Support Manager beinhaltete mein Aufgabengebiet die Betreuung des IT-Systems (IBM AS/400), der lokalen Anwender und zwei angeschlossener Konzerngesellschaften, des Netzwerkes (Novell Netware 3.11) und des internationalen Email-Systems (cc:Mail/Infonet).

Wie hast Du den Arbeitsalltag bei Commodore erlebt? Gibt es eine Episode, an die Du Dich besonders erinnerst, im Guten wie im Schlechten?

Ich kann mich gut daran erinnern, dass an meinem ersten Arbeitstag an meinem Arbeitsplatz sowohl ein 5250-Terminal (für den Zugriff den IBM AS/400) als auch einen Commodore PC mit MS-DOS waren. Als langjähriger Commodore-Fan bestand ich natürlich darauf, auch einen Amiga 4000 als Computer zu erhalten. Irgendeinmal kam einer der beiden Geschäftsführer in mein Büro, sah den Amiga und frage mich, was ich mit diesem Spielzeig an meinem Arbeitsplatz mache. Worauf ich natürlich gleich explodierte und ihm ausführlich erklärte, dass der Amiga aufgrund seiner ausgeprägten Multimediafähigkeiten und dem leistungsfähigen Multitasking-Betriebssystem jedem PC haushoch überlegen und alles andere als ein Spielzeug sei. Doch leider waren zu dieser Zeit verschiedene Leute im Commodore-Management der Ansicht, dass die eigenen Produkte (Amigas) nur Spielzeuge seien und die Zukunft von Commodore im PC-Markt liege.

Beim Untergang im Jahr 1994 warst Du mittendrin. Wie hast Du diesen erlebt? Wie war die Stimmung unter den Mitarbeitern? Waren es besonders turbulente Zeiten, oder verlief alles in geordneten Bahnen?

Wie erwähnt arbeitete ich in der Zweigniederlassung Aesch des auf den Bahamas angesiedelten Mutterunternehmens. Am 29. April 1994 beantragte Commodore International Limited offiziell die Liquidation und plötzlich wollten Leute von den Bahamas im Swiss Branch Office vorbeikommen. Ich kann mich gut daran erinnern, wie einer der beiden Geschäftsführer mit mir besprach, welche Möglichkeiten wir hätten, die Löhne der Mitarbeiter der Schweizer Zweigniederlassung sicherzustellen. So beschlossen wir, dass ich die Backups der ERP-Daten vorübergehend mit nach Hause nehme und wir das IBM AS/400 System so schnell wie möglich verkaufen, um die Löhne der Mitarbeiter zu bezahlen. Die Monate bis zur Liquidation des Swiss Branch Office Ende August 1994 waren also überaus turbulent.

Wie bei vielen anderen auch, die heute selbstverständlich mit iPhone und Internet umgehen, war ein Commodore-Rechner Dein erster Heimcomputer. Wann hast Du Dir Deinen zugelegt? Was hast Du damit angestellt?

Mein erster Heimcomputer war der Commodore VC20, den ich mir Ende 1982 mit meinen ersten Lehrlingslöhnen kaufen konnte. Etwa ein Jahr später konnte ich mir dann auch den C64 kaufen und im Sommer 1986 importierte ich als einer der ersten in der Schweiz einen Amiga 1000 NTSC aus den USA.

Auf dem VC20 habe ich natürlich viel gespielt und erste Programme in BASIC und Assembler erstellt. Auf dem C64 hab ich dann nur noch in Assembler programmiert, haufenweise neue Programme mit dem Akkustikkoppler von Freunden aus Deutschland runtergeladen und mich ausserdem damit beschäftigt, wie man Programme trotz verschiedenster Kopierschutzmassnahmen einfach kopieren konnte. Auch auf dem C64 hab ich ausgiebig gespielt und hatte bis zum Schluss eine äusserst beachtliche Sammlung von Spielen.

Jetzt, 30 Jahre nach seiner Markteinführung, wie schätzt Du die Bedeutung des C64 und von Commodore ein? Teilst Du meine Meinung, dass damals zumindest im deutschsprachigen Europa mit dem C64 eine ganze Generation heranwuchs, die Mitte der 1990er-Jahre schliesslich das Internet als Fortsetzung dessen begriff, was sie zehn Jahre zuvor auf dem Pausenhof und mit dem Akkustikkoppler beim Tauschen von Programmen praktizierten - nämlich den problemlosen Zugang zu nahezu unbegrenztem digitalem Wissen zu gegen Null tendierenden Kosten?

Mit dem C64 begann auch bei mir der Umgang mit 300 Baud Akkustikkoppler, Bulletin Board Systemen und der Vernetzung. Der Online-Dienst CompuServe war 1994 für mich, wie Du richtig sagst, der nächste logische Schritt und ermöglichte mir den Zugang zu den Foren des weltweit grössten kommerziellen Onlinedienstes und ins Internet. Vielleicht erkannte ich aufgrund meiner mit dem C64 gemachten Erfahrungen auch schneller das Potential des Internets und entschloss mich, deshalb meinen Job aufzugeben und 1995 einen Internet-Dienstleister zu gründen.

Und Du, besitzt Du heute noch einen oder mehrere Commodore?

Leider besitze ich keinen Commodore Computer mehr, meine letzten Geräte hab ich vermutlich in der zweiten Hälfte 1990er-Jahre bei einem Wohnungswechsel weggegeben. Mit dem Verkauf meines C64 und meiner Spiele-Sammlung hatte ich mir 1986 den Amiga 1000 mitfinanziert. Meine verschiedenen Amiga-Modelle wie der 1000, 2000, CDTV und 3000 habe ich jeweils verkauft um mir das nächste Modell zu kaufen. Heute bereue ich es, dass ich die verschiedenen Computer nicht behalten habe, doch wahrscheinlich hätte ich mir sonst jeweils den nächsten Computer nicht leisten können.

Franco, ich danke Dir für das Interview.


Dieser Beitrag erschien am 13.04.2012 auf der alten Version von wortgefecht.net.
 

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